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Carol: Eine Lesung mit Maren Kroymann
Unterschätzte Weltliteratur in dichter Atmosphäre
Fast zeitgleich mit dem Start von Europas größtem Literatur-Festival, der lit.cologne, begann in der Medizinischen Fakultät der Uni Köln am 9. März 2016 eine neue Reihe „Literatur im Hörsaal“. Keine Geringere als Schauspielerin Maren Kroymann übernahm die künstlerische Leitung und suchte sich zum Auftakt gleich einen fürs lesbische Publikum bedeutsamen Roman heraus: Carol von Patricia Highsmith. Der ist durch den gleichnamigen Hollywoodfilm mit Cate Blanchett und Rooney Mara gerade in aller Munde.
Leider fanden nur etwa 50 Besucher_innen ihren Weg in den Hörsaal. Für diejenigen, die es geschafft hatten, bahnte sich dafür ein besonderer Abend an. Intim und atmosphärisch dicht gelang Kroymann ein stimmungsvoller umfassender Einblick in Highsmith „finanziell erfolgreichsten Roman“. Mit diesen Worten ordnet die Schauspielerin das Werk in die Weltliteratur ein. „Über Jahrzehnte unterschätzt“, selbst von seiner eigenen Autorin. Die bedeutende US-amerikanische Publizistin Susan Sonntag verglich Carol Bedeutung mit der von Thomas Manns Buddenbrooks.
Liebt sie mich und steht sie zu mir?
Highsmith selbst veröffentlichte die Erstausgabe 1952 unter einem Pseudonym und verleugnete ihre Autorschaft lange. Kroymann verortet diese Distanzierung vom lesbischen Thema auch als Reaktion auf die McCarthy-Ära, geprägt von Zensur, der Hatz auf Kommunisten und Andersliebende. Das Besondere an dem Roman sei, dass er nicht nur die Grundfrage „Liebt sie mich?“ verhandele, sondern darüber hinaus die Gretchenfrage: „Steht sie auch zu mir?“ Auf beide Fragen hielt Carol für lesbische Frauen erstmalig eine leise Hoffnung bereit. Gänzlich neu zu seiner Zeit konzentriert sich Highsmith auf das Verhältnis der beiden Frauen.
Zu Anfang fällt die Vorstellung schwer, gleich einer Lesung aus diesem so bedeutsamen Buch zu lauschen. Das kalte grelle Hörsaal-Licht vermiest ein wenig die Stimmung. Doch als Kroymann mit ihrer tiefen, warmen Stimme zu reden beginnt, verdunkelt sich das Licht, und wir tauchen ein in diese Liebesgeschichte aus einer anderen Zeit. Das grüne Tafel-Tryptichon, auf dem sonst medizinische Fakten für Studenten mit Kreide festgehalten werden, versinkt im Hintergrund.
Kroymann führt gekonnt durch den Roman
Das Experiment „Literatur im Hörsaal“ gelingt. Fünf Szenen hat Kroymann herausgesucht, anhand derer sie das Publikum durch den Roman führt. Von der ersten Begegnung, über das erste Date bis zum Wiedersehen am Schluss nimmt sie uns mit durch den Roman. Wer die Augen schließt, sieht Bilder dieser Zeit vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Für das nicht-lesbische Publikum und diejenigen, die Carol nicht so gut kennen, füllt Kroymann die Lücken in der Geschichte mit kurzen Erläuterungen.
Am Ende fordert Kroymann auf, mit ihr zu diskutieren. Schön. Das ermöglicht ein langsames Wiedereintauchen in die Wirklichkeit. Die erste Frage ergibt sich fast zwangsläufig. Eine Zuschauerin möchte wissen, wie sie den Film fand. Kroymann lobt Blanchett schauspielerische Leistung, gibt aber zu: „Ich fand den Film toll, aber eindimensionaler als das Buch.“ In der anschließenden Diskussion findet sie viel Beifall dafür. Verloren gegangen sei der Coming-of-Age-Aspekt und das sich langsam und ohne Vorahnung herantastende Verhalten von Therese im Buch. „Sie bewegt sich wie mit einer Taschenlampe im Dunkeln durch die Geschichte“, beschreibt das eine Zuschauerin. Das Bild begeistert Kroymann und es ist ihr anzumerken, sie hätte gern weiter diskutiert. Doch der Hörsaal muss schließen.
Kroymanns Kurzkritik zum Film: „Ich fand den Film toll, aber eindimensionaler als das Buch.“ kann ich nur zustimmen.
Von der Veranstaltung wusste ich. Aber sie lag so ungünstig, dass ein kurzer Tripp nach Köln für mich nicht drin war.
Naja. Schade. *soifz*